Quantum Computing Hype und die Geldströme

Quantencomputer werden die Welt verändern. Das versprechen Konzerne, Regierungen und Berater seit über zwanzig Jahren. Die Rechnung dafür zahlen Steuerzahler und Investoren schon heute – in Milliardenhöhe. Was sie dafür bekommen: beeindruckende Pressemitteilungen, zurückgezogene Forschungspapiere und Börsengänge, bei denen das Geld schneller verschwindet als ein Qubit seine Kohärenz verliert.

Dieser Artikel folgt dem Geld. Nicht den Versprechen.

Stufe 1: Die Tech-Giganten – IBM, Google, Microsoft

Die drei größten Namen im Quantum Computing haben eines gemeinsam: Keine ihrer bisherigen Errungenschaften hat ein reales Problem gelöst, das ein klassischer Computer nicht auch bewältigen könnte. Aber jede einzelne hat eine Schlagzeile produziert.

Google: Supremacy, die keine war

Im Oktober 2019 veröffentlichte Google in Nature einen Artikel, der "Quantum Supremacy" verkündete. [1] Der Sycamore-Prozessor mit 53 Qubits habe eine Berechnung in 200 Sekunden durchgeführt, für die der schnellste Supercomputer 10.000 Jahre bräuchte. Die Schlagzeile ging um die Welt.

Das Problem: IBM widersprach innerhalb weniger Tage. Mit optimierten klassischen Methoden sei die gleiche Berechnung in 2,5 Tagen möglich – nicht in 10.000 Jahren. [2] In den folgenden Jahren bestätigten mehrere unabhängige Forschergruppen IBMs Position. Pan, Chen und Zhang zeigten 2022, dass klassische Simulationen Googles Benchmark sogar übertreffen können. [3] Googles "Supremacy" war ein PR-Triumph, kein wissenschaftlicher.

Im Dezember 2024 folgte der nächste Akt: der Willow-Chip mit 105 Qubits. Google behauptete, Willow führe eine Berechnung in unter fünf Minuten durch, für die ein klassischer Supercomputer 10 Septillionen Jahre bräuchte – länger als das Alter des Universums. [4] Beeindruckend, bis man das Kleingedruckte liest: Der verwendete Benchmark – Random Circuit Sampling – hat, so Google selbst, "keine bekannten realen Anwendungen." Die einzige Aufgabe, die ein Quantencomputer schneller erledigt, ist eine Aufgabe, die niemand braucht.

Microsoft: Der Majorana-Skandal

Microsofts Quantum-Strategie basiert auf topologischen Qubits – einer theoretisch überlegenen, aber experimentell unbewiesenen Technologie. Das Fundament dieser Strategie zerbrach 2021 öffentlich.

2018 veröffentlichten Hao Zhang, Leo Kouwenhoven und Kollegen an der TU Delft ein Nature-Paper, das den experimentellen Nachweis von Majorana-Fermionen in Halbleiter-Nanodrähten behauptete – der Schlüssel zu Microsofts topologischem Ansatz. [5] Die Veröffentlichung wurde als Durchbruch gefeiert und Microsoft investierte Hunderte Millionen in die Weiterentwicklung.

Dann schauten Sergey Frolov von der University of Pittsburgh und Vincent Mourik von der University of New South Wales genauer hin. Sie entdeckten, dass die Autoren gezielt Datenpunkte ausgelassen hatten, die ihren Ergebnissen widersprachen. [6] Im März 2021 wurde das Paper zurückgezogen. Die Autoren entschuldigten sich für "unzureichende wissenschaftliche Sorgfalt." Eine unabhängige Untersuchung der TU Delft stellte "teilweise fahrlässiges" und "teilweise grob fahrlässiges" Verhalten fest – fand aber keine Datenfabrikation im engeren Sinne.

Das hielt Microsoft nicht auf. Im Februar 2025 präsentierte der Konzern den Majorana-1-Chip – angeblich der erste topologische Quantenprozessor der Welt. [7] Die Physik-Community reagierte mit offener Skepsis. Das begleitende Nature-Paper räumte selbst ein, dass die Messungen "für sich genommen nicht bestimmen, ob die detektierten Niedrigenergie-Zustände topologisch sind." Mehrere Physiker wiesen darauf hin, dass die Ergebnisse vollständig mit trivialen Andreev-Moden konsistent seien – genau dasselbe Problem wie beim zurückgezogenen Paper von 2018. [8]

Muster erkannt? Große Pressemitteilung, vorsichtiges Paper, und die Medien drucken die Pressemitteilung.

IBM: Eine Milliarde – wofür?

IBM ist der Pragmatiker unter den Dreien. Der Konzern verkauft tatsächlich Quantencomputer und Cloud-Zugang. Zwischen 2017 und Ende 2024 hat IBM kumuliert eine Milliarde Dollar mit Quantum-Geschäft umgesetzt. [9] Das klingt nach viel – bis man es in Relation setzt: Bei einem Quartalsumsatz von 17,6 Milliarden Dollar sind das durchschnittlich 31 Millionen pro Quartal für Quantum. Ein Rundungsfehler.

Was IBM verkauft, sind keine Lösungen für reale Probleme. Es sind Forschungszugänge, Beratungspakete und die Möglichkeit, "quantum-ready" zu sein. Eine Versicherung gegen eine Zukunft, die noch nicht eingetreten ist.

Stufe 2: Die SPAC-Startups – Wenn Hoffnung an die Börse geht

Die Jahre 2021 und 2022 markierten den Höhepunkt des Quantum-SPAC-Wahnsinns. Drei Unternehmen gingen über Special Purpose Acquisition Companies an die Börse – ein Finanzinstrument, das Investoren weniger Transparenz bietet als ein klassischer IPO.

IonQ: Zwei Milliarden für gefangene Ionen

IonQ ging im Oktober 2021 als erstes reines Quantum-Computing-Unternehmen an die New Yorker Börse. Die Bewertung: 2 Milliarden Dollar. [10] Die SPAC-Fusion mit dMY Technology Group III brachte 650 Millionen Dollar Bruttoerlöse, darunter 350 Millionen von Investoren wie Silver Lake, Fidelity und Hyundai. Ein Trapped-Ion-Startup mit minimalem Umsatz, bewertet wie ein mittelgroßes Technologieunternehmen.

Rigetti: Der Absturz

Rigetti Computing folgte im März 2022. Die Investorenpräsentation vor dem SPAC prognostizierte knapp 300 Millionen Dollar Umsatz bis 2025. [11] Die Realität: Der tatsächliche Umsatz 2022 lag zwischen 12 und 13 Millionen Dollar. Im Mai 2023 fiel die Aktie auf ein Allzeittief von 0,38 Dollar. Gründer Chad Rigetti trat Ende 2022 als CEO zurück. Es drohte zeitweise ein Delisting von der Börse.

Das Muster ist typisch für SPAC-Fusionen in spekulativen Sektoren: Aggressive Prognosen vor dem Börsengang, Realitätsschock danach.

D-Wave: 25 Jahre, kein Durchbruch

D-Wave, gegründet 1999, ging im August 2022 via SPAC an die NYSE. [12] Die Bewertung: bis zu 1,6 Milliarden Dollar. D-Wave ist das älteste Quantum-Computing-Unternehmen der Welt – und gleichzeitig eines der umstrittensten. Sein Ansatz des Quantum Annealing wird von vielen Experten nicht als echtes universelles Quantum Computing anerkannt. Nach über einem Vierteljahrhundert Entwicklung gibt es keinen kommerziellen Anwendungsfall, der klassische Optimierungsalgorithmen definitiv übertrifft.

Quantinuum: Die Honeywell-Methode

Ein Sonderfall ist Quantinuum, entstanden 2021 aus der Fusion von Honeywell Quantum Solutions und Cambridge Quantum Computing. [13] Honeywell behielt 55 Prozent der Anteile und investierte 300 Millionen Dollar. Inzwischen hat Quantinuum 625 Millionen Dollar eingesammelt und wird mit 5 Milliarden Dollar bewertet – ein IPO wird regelmäßig spekuliert. Ob Quantinuum mehr liefern wird als seine SPAC-Vorgänger, ist offen. Aber die Struktur ist klüger: kein SPAC, kein Retail-Investor-Risiko, und ein Industriekonzern als Muttergesellschaft, der die Verluste puffern kann.

Stufe 3: Die echten Gewinner – Berater, Akademiker, Risikokapital

Wer verdient garantiert am Quantum-Hype, unabhängig davon, ob Quantencomputer jemals praktisch werden? Drei Gruppen.

Die Berater

McKinsey prognostiziert, dass Quantum Computing bis 2035 einen Mehrwert von 2 Billionen Dollar schaffen wird. [14] BCG sieht bis 2040 einen Wert von 450 bis 850 Milliarden Dollar und einen Markt von 90 bis 170 Milliarden Dollar für Hardware- und Softwareanbieter. [15]

Diese Zahlen sind keine Prognosen im wissenschaftlichen Sinn. Es sind Szenarien, die einen Beratungsbedarf begründen. Je größer die prognostizierte Disruption, desto dringender die Notwendigkeit einer "Quantum Readiness Strategy" – für die McKinsey und BCG selbstverständlich die richtigen Partner sind. Die Berater verkaufen die Angst, nicht rechtzeitig bereit zu sein, für eine Technologie, die noch nicht funktioniert. Ein perfektes Geschäftsmodell: unfalsifizierbar und selbstverstärkend.

Die Akademiker

Quantum Computing ist eine Fördermittelmaschine. Wer "Quanten" in den Antragstitel schreibt, erhöht seine Chancen auf Finanzierung erheblich. Das ist keine Verschwörung, sondern ein Anreizsystem: Wenn Regierungen Milliarden für Quantum-Forschung bereitstellen, fließt das Geld in Quantum-Projekte – auch in solche, die unter anderem Namen nicht finanziert würden.

Die Risikokapitalgeber

VCs investierten zwischen 2020 und 2024 schätzungsweise über 5 Milliarden Dollar in Quantum-Startups. [16] Ihr Geschäftsmodell funktioniert auch ohne funktionierenden Quantencomputer: Früh einsteigen, Bewertung hochtreiben, beim SPAC oder IPO aussteigen. Die SPAC-Welle 2021–2022 war für Early-Stage-Investoren hochprofitabel – für Retail-Investoren, die beim Börsengang einstiegen, typischerweise nicht.

In-Q-Tel, der Risikokapitalarm der CIA, hat in D-Wave, IonQ, Infleqtion, Xanadu und Diraq investiert. [17] Das ist kein kommerzielles Investment, sondern strategische Technologiebeobachtung – aber es verleiht den Unternehmen Legitimität und treibt weitere Investitionen an.

Stufe 4: Die Geopolitik – Wenn Staaten wetten

Quantum Computing Geopolitik und staatliche Förderung

Die größten Geldströme im Quantum Computing sind staatlich. Und sie folgen keiner technischen, sondern einer politischen Logik.

Die Europäische Union startete 2018 das Quantum Flagship mit einem Budget von einer Milliarde Euro über zehn Jahre. [18] Das Programm finanziert über 5.000 Forscher in vier Anwendungsbereichen und ist inzwischen in seiner zweiten Phase unter Horizon Europe mit über 400 Millionen Euro.

Die USA verabschiedeten 2018 den National Quantum Initiative Act mit 1,275 Milliarden Dollar für 2019 bis 2023. [19] Die Reauthorisierung wird mit 1,8 bis 2,7 Milliarden Dollar für die nächsten fünf Jahre diskutiert. Das Energieministerium allein stellte 625 Millionen Dollar für die nächste Phase der nationalen Quantum-Forschungszentren bereit.

Deutschland legte 2023 einen Aktionsplan über 3 Milliarden Euro auf – mit dem Ziel, bis 2026 einen Quantencomputer mit mindestens 100 Qubits zu bauen und mittelfristig auf 500 Qubits zu skalieren. [20] Das Forschungsministerium erhält 1,37 Milliarden Euro, weitere 800 Millionen gehen an staatlich finanzierte Forschungsinstitute. Das erklärte Ziel: unter die Top 3 in der EU und auf das Niveau der USA oder Japans aufschließen.

Die Logik hinter diesen Investitionen ist nicht primär technisch. Es ist ein geopolitisches Wettrüsten, angetrieben von der Angst, den Anschluss zu verlieren. Kein Politiker will derjenige sein, der erklären muss, warum das eigene Land "Quantum" verschlafen hat – auch wenn keiner erklären kann, was genau man damit gewinnt.

Wer zahlt, wer kassiert?

Die Bilanz des Quantum-Hypes ist eindeutig, wenn man dem Geld folgt:

Zahler: Steuerzahler (über staatliche Förderprogramme im zweistelligen Milliardenbereich weltweit), Retail-Investoren (über SPAC-Börsengänge, die systematisch Wert vernichteten) und Unternehmen, die in "Quantum Readiness" investieren, ohne zu wissen, wofür.

Kassierer: Beratungsfirmen (die den Hype mit astronomischen Prognosen befeuern), Venture-Capital-Fonds (die vor dem SPAC einsteigen und danach aussteigen), Forschungseinrichtungen (die von einer Förderlogik profitieren, die Quantum-Projekte bevorzugt) und die PR-Abteilungen der Tech-Konzerne (die jeden technischen Fortschritt zur Revolution erklären).

Das heißt nicht, dass Quantum Computing niemals relevant werden wird. Die zugrundeliegende Physik ist real, und Fortschritte in der Fehlerkorrektur – wenn sie sich bestätigen – könnten den Weg zu praktisch nutzbaren Systemen ebnen. Aber die aktuelle Geldflut steht in keinem Verhältnis zum tatsächlichen technologischen Stand. Wir finanzieren eine Revolution, die noch nicht stattgefunden hat – und die Rechnung geht an die, die am wenigsten davon verstehen.

Die unbequeme Wahrheit: Im Quantum Computing des Jahres 2026 geht es weniger um Physik als um Finanzphysik. Und in der Finanzphysik gelten andere Gesetze – vor allem das Gesetz, dass Geld dorthin fließt, wo die beste Geschichte erzählt wird. Nicht dort, wo die beste Wissenschaft gemacht wird.

Referenzen

  1. Arute, F. et al.: Quantum supremacy using a programmable superconducting processor, Nature 574, 505–510 (2019)
    https://www.nature.com/articles/s41586-019-1666-5
  2. Pednault, E. et al.: On "Quantum Supremacy", IBM Research Blog (Oktober 2019)
    https://www.ibm.com/quantum/blog/on-quantum-supremacy
  3. Pan, F., Chen, K., Zhang, P.: Solving the Sampling Problem of the Sycamore Quantum Circuits, Physical Review Letters (2022)
    https://www.science.org/content/article/ordinary-computers-can-beat-google-s-quantum-computer-after-all
  4. Google Quantum AI: Meet Willow, our state-of-the-art quantum chip (Dezember 2024)
    https://blog.google/innovation-and-ai/technology/research/google-willow-quantum-chip/
  5. Zhang, H. et al.: Quantized Majorana conductance, Nature 556, 74–79 (2018; zurückgezogen 2021)
    https://www.nature.com/articles/s41586-021-03373-x
  6. Frolov, S., Mourik, V.: Allegations of data manipulation in Microsoft Majorana study, Science/AAAS (2021)
    https://www.science.org/content/article/data-manipulations-alleged-study-paved-way-microsoft-s-quantum-chip
  7. Microsoft Azure Quantum Blog: Microsoft unveils Majorana 1 (Februar 2025)
    https://azure.microsoft.com/en-us/blog/quantum/2025/02/19/microsoft-unveils-majorana-1-the-worlds-first-quantum-processor-powered-by-topological-qubits/
  8. Science News: Physicists are mostly unconvinced by Microsoft's new topological quantum chip (2025)
    https://www.sciencenews.org/article/microsoft-topological-quantum-majorana
  9. CNBC/Data Center Dynamics: IBM claims to have booked $1bn of cumulative quantum business (Februar 2025)
    https://www.datacenterdynamics.com/en/news/ibm-claims-to-have-booked-1bn-of-cumulative-quantum-business/
  10. Nasdaq/IonQ: IonQ Becomes First Publicly Traded Pure-Play Quantum Computing Company (Oktober 2021)
    https://www.ionq.com/news/october-01-2021-ionq-listed-on-nyse
  11. HPCwire: Quantum Computing Firm Rigetti Faces Delisting (Februar 2023)
    https://www.hpcwire.com/2023/02/03/quantum-computing-firm-rigetti-faces-delisting/
  12. Data Center Dynamics: D-Wave to IPO via $1.6bn SPAC merger (2022)
    https://www.datacenterdynamics.com/en/news/quantum-computing-firm-d-wave-to-ipo-via-16bn-spac-merger/
  13. Honeywell Pressemitteilung: Honeywell Quantum Solutions and Cambridge Quantum Complete Business Combination to Form Quantinuum (November 2021)
    https://www.honeywell.com/us/en/press/2021/11/honeywell-quantum-solutions-and-cambridge-quantum-complete-business-combination-to-form-world-s-largest-most-advanced-standalone-quantum-company
  14. McKinsey Quantum Technology Monitor: Industries stand to gain up to $2 trillion by 2035 (2023)
    https://www.mckinsey.com/featured-insights/the-rise-of-quantum-computing
  15. BCG: Quantum Computing to create $450-850 billion of economic value by 2040 (Juli 2024)
    https://www.bcg.com/press/21july2021-quantum-computing-transform-multiple-industries-create-850-billion-annual-value
  16. McKinsey Quantum Technology Monitor: Fourth annual report, quantum market to $100 billion in a decade (Juni 2025)
    https://www.mckinsey.com/featured-insights/the-rise-of-quantum-computing
  17. In-Q-Tel Portfolio: D-Wave, IonQ, Infleqtion, Xanadu, Diraq
    https://en.wikipedia.org/wiki/In-Q-Tel
  18. European Commission: Quantum Technologies Flagship, 1 Billion Euro over 10 years (2018)
    https://digital-strategy.ec.europa.eu/en/policies/quantum-technologies-flagship
  19. Congress.gov: National Quantum Initiative Act, $1.275B authorized 2019-2023
    https://www.congress.gov/bill/115th-congress/house-bill/6227
  20. Physics World: Germany reveals 3bn Euro plan to build a quantum computer by 2026 (Mai 2023)
    https://physicsworld.com/a/germany-reveals-e3bn-plan-to-build-a-quantum-computer-by-2026/